Auf dem Wasser ist Hilfe oft weiter weg als an Land: kein Krankenwagen, der in wenigen Minuten da ist, sondern Funkkontakt, Anfahrtszeit und manchmal ein Rettungsboot, das erst noch auslaufen muss. Genau deshalb ist jeder Skipper in einem Notfall zunächst auf sich selbst gestellt. Dieser Artikel fasst zusammen, welche Erste-Hilfe-Grundlagen an Bord besonders wichtig sind und wie du in den häufigsten Notfallsituationen richtig reagierst.
Warum Erste Hilfe für jeden Skipper dazugehört
Erste-Hilfe-Wissen taucht im theoretischen Fragenkatalog des Sportbootführerscheins nicht als eigenes Themengebiet auf und ist auch keine gesonderte Zulassungsvoraussetzung für die Prüfung, anders als etwa der ärztliche Tauglichkeitsnachweis. Genau deshalb wird das Thema in der SBF-Vorbereitung oft vernachlässigt, dabei ist es im echten Bootsalltag mindestens genauso wichtig wie Lichterführung oder Vorfahrtsregeln, denn als Skipper trägst du die Verantwortung für deine gesamte Crew. Wer schon einmal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat, kennt die Basics, an Bord kommen aber ein paar Besonderheiten hinzu: Bewegung, Kälte, Nässe und die Tatsache, dass professionelle Hilfe nicht in wenigen Minuten eintrifft.
Ruhe bewahren und die Lage einschätzen
Der erste Schritt in jedem Notfall ist nicht die Behandlung, sondern die Einschätzung der Situation:
- Eigenschutz zuerst: Bring dich selbst nicht in Gefahr. Ein zweiter Verletzter hilft niemandem.
- Situation sichern: Motor aus der Gefahrenzone nehmen, Boot stabilisieren, bei Bedarf andere Crewmitglieder mit klaren Aufgaben einbinden (Notruf absetzen, Ausrüstung holen, Steuer übernehmen).
- Ansprechbarkeit prüfen: Die Person laut ansprechen und leicht an den Schultern rütteln. Reagiert sie nicht, liegt eine Bewusstlosigkeit vor.
- Atmung kontrollieren: Kopf vorsichtig überstrecken, Atemwege freimachen und für einige Sekunden auf Atembewegungen, Atemgeräusche und Luftstrom achten.
Diese kurze Einschätzung entscheidet darüber, welche der folgenden Maßnahmen als Nächstes nötig ist.
Notruf richtig absetzen
Sobald klar ist, dass professionelle Hilfe gebraucht wird, hat der Notruf Vorrang vor fast allem anderen:
- Über Funk: Der internationale Not- und Anrufkanal ist UKW-Kanal 16. Ein Mayday-Ruf enthält Schiffsname, Position, Art des Notfalls und Anzahl der Personen an Bord.
- Über Telefon: Auf See und Binnenrevieren erreichst du in Deutschland ebenfalls den Rettungsdienst über den europaweiten Notruf 112, sofern Mobilfunkempfang besteht.
- Position so genau wie möglich angeben: GPS-Koordinaten, Kartenausschnitt oder markante Landmarken helfen den Rettungskräften, dich schnell zu finden.
Welche weiteren Notsignale es gibt und wann du sie einsetzen darfst, erklärt der Artikel Notsignale auf See im Detail.
Stabile Seitenlage und Wiederbelebung
Ist die Person bewusstlos, atmet aber normal, gehört sie in die stabile Seitenlage: Der Körper wird so auf die Seite gedreht, dass die Atemwege frei bleiben und Erbrochenes oder Flüssigkeit ablaufen kann, ohne dass die Person daran erstickt. Der obere Arm stützt den Oberkörper, das obere Bein ist angewinkelt, der Kopf leicht nach hinten geneigt.
Atmet die Person nicht normal, ist sofortiges Handeln gefragt:
- Notruf veranlassen, parallel zur Behandlung, wenn möglich durch eine zweite Person.
- Herzdruckmassage beginnen: In der Mitte des Brustkorbs kräftig und schnell drücken, mit einer Frequenz von etwa 100 bis 120 Kompressionen pro Minute und einer Drucktiefe von etwa 5 bis 6 Zentimetern bei Erwachsenen.
- Beatmung ergänzen, wenn geübt: Im Wechsel 30 Kompressionen und 2 Beatmungen, bis professionelle Hilfe übernimmt oder die Person wieder normal atmet.
- Ist ein Defibrillator (AED) an Bord oder in erreichbarer Nähe, sollte er so früh wie möglich eingesetzt werden, das Gerät führt akustisch durch die Anwendung.
Wiederbelebung ist körperlich anstrengend, an Bord zusätzlich erschwert durch Bewegung des Bootes und wenig Platz. Wechsle dich, wenn möglich, mit anderen Crewmitgliedern ab, um die Qualität der Kompressionen aufrechtzuerhalten. Bist du in der Beatmung unsicher oder ungeübt, gilt: durchgängige Herzdruckmassage ohne Pausen für Beatmung ist immer noch deutlich besser als gar keine Hilfe.
Erste Hilfe bei den häufigsten Notfällen an Bord
Mann über Bord und Beinahe-Ertrinken
Nach einem Sturz ins Wasser steht zunächst die Rettung an Bord im Vordergrund, das eigentliche Manöver dazu haben wir im Beitrag Mann-über-Bord-Manöver beschrieben. Ist die Person an Bord, prüfe Bewusstsein und Atmung wie oben beschrieben. Wichtig: Auch wenn die Person zunächst ansprechbar wirkt, kann sich nach einem Sturz ins kalte Wasser der Zustand noch verschlechtern, deshalb sollte sie in jedem Fall beobachtet und bei Unsicherheit ärztlich untersucht werden.
Unterkühlung (Hypothermie)
Kaltes Wasser oder anhaltender Wind und Nässe kühlen den Körper schneller aus, als man denkt. Anzeichen sind Zittern, Verwirrtheit, verlangsamte Reaktionen und blasse, kalte Haut. Erste Maßnahmen:
- Die Person aus Wind und Nässe bringen, nasse Kleidung durch trockene ersetzen.
- Mit Decken, Schlafsäcken oder zusätzlicher Kleidung isolieren, dabei besonders Kopf und Rumpf schützen.
- Vorsichtig und langsam erwärmen, keine ruppigen Bewegungen und keine Massage der Gliedmaßen, das kann bei starker Unterkühlung den Kreislauf belasten.
- Bei Bewusstsein warme, zuckerhaltige Getränke anbieten, keinen Alkohol.
- Bei starker Unterkühlung oder Bewusstlosigkeit: Notruf absetzen und die Person bis zum Eintreffen der Rettungskräfte warm und ruhig lagern.
Seekrankheit
Unangenehm, aber selten gefährlich: Übelkeit, Schwindel und Erbrechen durch die Bewegung des Bootes. Hilfreich sind frische Luft, der Blick zum Horizont oder an Land, ein ruhiger Platz im Bootsmittelpunkt mit möglichst wenig Bewegung sowie ausreichend Flüssigkeit. Wer zu Seekrankheit neigt, sollte vorbeugende Medikamente rechtzeitig vor dem Ablegen einnehmen, da sie im Nachhinein deutlich schlechter wirken.
Sonnenstich und Hitzschlag
Lange Sonneneinstrahlung und Hitze an Deck führen schnell zu Kopfschmerzen, Übelkeit, hochrotem Kopf oder Benommenheit. Die Person sofort in den Schatten bringen, Kopf und Nacken kühlen, für Flüssigkeitszufuhr sorgen und beengende Kleidung öffnen. Bei anhaltender Verschlechterung, hoher Körpertemperatur oder Bewusstseinstrübung ist das ein Fall für den Notruf.
Schnitt-, Quetsch- und Verbrennungsverletzungen
An Bord passieren die meisten kleineren Verletzungen an Leinen, Winschen, Klappen oder dem Motor:
- Blutende Wunden: Mit einem sauberen Tuch oder Verbandsmaterial festen Druck ausüben, die verletzte Stelle wenn möglich hochlagern.
- Quetschungen: Kühlen und ruhigstellen, bei starken Schmerzen oder Verformung an einen möglichen Bruch denken und die Stelle nicht belasten.
- Verbrennungen, etwa am heißen Motor: Sofort mit handwarmem Wasser kühlen, keine Hausmittel wie Butter oder Mehl verwenden, die Wunde locker und steril abdecken.
Verschlucken und Ersticken
Bleibt bei einer Mahlzeit an Bord ein Bissen in der Luftröhre stecken, kann die Person plötzlich nicht mehr sprechen oder husten und greift sich oft mit den Händen an den Hals. Kann sie noch kräftig husten, ist das zunächst der wirksamste eigene Reflex, sie sollte einfach weiterhusten. Gelingt das nicht mehr:
- Den Oberkörper der Person nach vorne beugen und bis zu fünf feste Schläge zwischen die Schulterblätter geben.
- Hilft das nicht, bis zu fünf Oberbauchkompressionen (Heimlich-Handgriff) von hinten anwenden: Arme um den Oberkörper legen, eine Faust knapp oberhalb des Bauchnabels ansetzen und ruckartig nach innen und oben ziehen.
- Schläge und Kompressionen im Wechsel wiederholen, bis sich der Fremdkörper löst oder professionelle Hilfe übernimmt.
- Wird die Person währenddessen bewusstlos, sofort mit der Herzdruckmassage wie oben beschrieben beginnen und Notruf absetzen.
Erste-Hilfe-Ausrüstung an Bord
Ein gut sortierter, wasserfest verstauter Verbandskasten gehört auf jedes Boot, unabhängig davon, ob er für deinen Bootstyp und dein Fahrtgebiet konkret vorgeschrieben ist. Dazu gehören unter anderem sterile Kompressen und Wundschnellverbände in verschiedenen Größen, ein Dreieckstuch, Einmalhandschuhe, eine Rettungsdecke, eine Verbandsschere sowie gegebenenfalls Mittel gegen Seekrankheit. Sinnvoll ist es, den Inhalt regelmäßig auf Vollständigkeit und Haltbarkeitsdatum zu prüfen und dafür zu sorgen, dass jedes Crewmitglied weiß, wo der Kasten verstaut ist, denn im Ernstfall zählt jede Sekunde Suchzeit. Wer regelmäßig fährt, sollte außerdem die eigene Erste-Hilfe-Ausbildung von Zeit zu Zeit auffrischen, viele Handgriffe verlernt man erstaunlich schnell, wenn man sie nicht übt.
Vorbereitung ist die beste Erste Hilfe
Die wirksamste Erste-Hilfe-Maßnahme ist die, die gar nicht erst gebraucht wird. Eine kurze Sicherheitseinweisung für die Crew vor dem Ablegen gehört deshalb auf jedes Boot: Wo liegt der Verbandskasten, wo sind die Rettungswesten verstaut, wie funktioniert die Rettungsinsel oder das Rettungsboot, und wer übernimmt im Notfall welche Aufgabe. Passende Rettungswesten für Crew und Gäste sind dabei die wichtigste vorbeugende Ausrüstung überhaupt, welche Auftriebsklasse für welchen Einsatzzweck geeignet ist, erklärt der Beitrag Die richtige Rettungsweste wählen. Wer diese Punkte einmal durchgegangen ist, reagiert im echten Notfall spürbar ruhiger und schneller, weil niemand erst suchen oder überlegen muss.
Die Erste-Hilfe-Ausbildung selbst ist zwar kein Bestandteil des theoretischen Prüfungsstoffs, die eigentlichen Prüfungsfragen zu Sicherheit an Bord, Notsignalen und richtigem Verhalten in Gefahrensituationen kannst du dagegen gezielt mit dem offiziellen ELWIS-Fragenkatalog in der Boatpass-App üben, getrennt nach SBF Binnen und SBF See.
Übergabe an die Rettungskräfte
Kommen Rettungsboot, Hubschrauber oder Sanitäter vor Ort an, erleichtert eine kurze, klare Übergabe die weitere Versorgung erheblich: Was ist wann passiert, welche Maßnahmen wurden bereits ergriffen, gibt es Vorerkrankungen oder Allergien, falls bekannt. Bleib bei der betroffenen Person, bis die Übergabe abgeschlossen ist, und beobachte sie auch nach einer scheinbar überstandenen Situation weiter auf Anzeichen einer Verschlechterung, etwa einen Schock. Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu viel den Rettungsdienst rufen oder eine Praxis aufsuchen, als eine ernste Verletzung zu unterschätzen.
Fazit
Erste Hilfe an Bord folgt denselben Grundprinzipien wie an Land, kommt aber mit ein paar zusätzlichen Herausforderungen: weniger Platz, Bewegung, Kälte und Nässe, und Hilfe, die länger braucht als gewohnt. Wer Eigenschutz, Notruf, stabile Seitenlage und die Basics der Wiederbelebung sicher beherrscht und die typischen Notfälle an Bord wie Unterkühlung, Seekrankheit oder Verbrennungen einordnen kann, ist im Ernstfall in der Lage, die entscheidenden ersten Minuten zu überbrücken, bis professionelle Hilfe übernimmt.