Der Magnetkompass ist eines der ältesten Navigationsinstrumente überhaupt, und er steckt bis heute in praktisch jedem Boot. Trotzdem zeigt seine Nadel fast nie exakt zum geografischen Nordpol. Wer verstehen will, warum das so ist, muss zwei Begriffe auseinanderhalten: Missweisung und Deviation. Beide sind Grundlagenwissen für den SBF See und die Basis für jede Kursumrechnung. Dieser Artikel erklärt, wie der Kompass funktioniert und woher seine beiden systematischen Fehler kommen.

Wie ein Magnetkompass überhaupt funktioniert

Ein Magnetkompass besteht im Kern aus einer frei beweglich gelagerten, magnetisierten Nadel oder Kompassrose, die sich am Erdmagnetfeld ausrichtet. Auf Sportbooten kommt meist ein Flüssigkeitskompass zum Einsatz: Die Kompassrose schwimmt gedämpft in einer Flüssigkeit, damit sie bei Seegang nicht unkontrolliert schwingt und sich schnell wieder beruhigt. Am Kompassgehäuse markiert eine feste Linie, der Steuerstrich, die Blickrichtung nach vorn und damit den aktuell gesteuerten Kurs. Die Kompassrose selbst ist in den vollen Kreis von 360° eingeteilt, sodass du den Steuerstrich jederzeit gegen eine Gradzahl ablesen kannst.

Damit die Anzeige verlässlich bleibt, muss der Kompass frei von Erschütterungen und möglichst waagerecht eingebaut sein. Ein guter Einbauort liegt zudem in Sichtachse zum Steuerstand, ohne dass du dich beim Ablesen verrenken musst, denn eine schräg abgelesene Kompassrose führt schnell zu kleinen, aber unnötigen Kursfehlern.

So weit, so einfach, wenn da nicht zwei Effekte wären, die verhindern, dass die Nadel exakt zum geografischen Nordpol zeigt.

Drei verschiedene Norden

Für das Verständnis von Missweisung und Deviation lohnt es sich, drei unterschiedliche Nordrichtungen sauber zu trennen:

  • Rechtweisend Nord (rwN): der geografische Nordpol, also die “echte” Nordrichtung, wie sie auf jeder Seekarte eingezeichnet ist.
  • Missweisend Nord (mwN): die Richtung, in die der magnetische Nordpol tatsächlich liegt.
  • Kompass Nord (KN): die Richtung, die dein Bordkompass anzeigt, nachdem auch die Störungen durch das eigene Boot eingerechnet sind.

Der Unterschied zwischen rechtweisend Nord und missweisend Nord heißt Missweisung, der Unterschied zwischen missweisend Nord und Kompass Nord heißt Deviation (Ablenkung). Beide Winkel werden in Grad angegeben, mit dem Zusatz Ost (E) oder West (W), je nachdem, auf welche Seite des rechtweisenden Nordens die jeweilige Richtung fällt.

Missweisung: der geografische und der magnetische Nordpol fallen nicht zusammen

Der magnetische Nordpol der Erde liegt nicht am geografischen Nordpol, sondern wandert langsam über die Jahre. Je nachdem, wo auf der Erde du dich befindest, zeigt eine Kompassnadel deshalb nicht exakt nach rechtweisend Nord, sondern um einen bestimmten Winkel seitlich versetzt. Dieser Versatz ist die Missweisung (englisch Variation).

Wichtige Eigenschaften der Missweisung:

  • Sie ist ortsabhängig: An verschiedenen Punkten der Erde hat sie unterschiedliche Werte.
  • Sie ist unabhängig vom Boot: Ob du mit einem Motorboot oder Segelboot unterwegs bist, spielt keine Rolle.
  • Sie verändert sich langsam über die Zeit, weil sich der magnetische Nordpol verschiebt.

Auf jeder Seekarte findest du die für den jeweiligen Kartenausschnitt gültige Missweisung in der Kompassrose eingetragen. Sie besteht meist aus zwei konzentrischen Kreisen: der äußere zeigt rechtweisend Nord, der innere um die Missweisung gedreht missweisend Nord. Wie du diese Kompassrose beim Kartenlesen einordnest, erklärt der Artikel Seekarte lesen lernen im Detail.

Die Missweisung ändert sich mit den Jahren

Weil der magnetische Nordpol wandert, ist die Missweisung keine feste Konstante, sondern verschiebt sich über die Zeit langsam weiter. Seekarten geben deshalb neben dem aktuellen Wert meist auch an, auf welches Jahr er sich bezieht, und wie stark sich die Missweisung pro Jahr etwa verändert. Wer mit einer älteren Karte plant, sollte diese jährliche Änderung berücksichtigen und den ursprünglich eingetragenen Wert entsprechend anpassen, statt ihn ungeprüft zu übernehmen. Aktuelle, regelmäßig berichtigte Karten nehmen dir diese Korrektur ab, ein Grund mehr, mit möglichst aktuellem Kartenmaterial zu fahren.

Deviation: wenn das eigene Boot den Kompass stört

Neben der Missweisung gibt es einen zweiten, bootseigenen Störfaktor: die Deviation, auch Ablenkung genannt. Sie entsteht, weil an Bord Materialien und Geräte ein eigenes Magnetfeld erzeugen oder das Erdmagnetfeld verzerren, zum Beispiel:

  • Ferromagnetische Bauteile wie der Motor, Werkzeug, Anker oder Ankerkette in der Nähe des Kompasses.
  • Elektrische und elektronische Geräte, etwa Funkgeräte, Lautsprecher oder Kabel, die stromdurchflossen sind und dadurch ein Magnetfeld erzeugen.
  • Die eigene Magnetisierung des Rumpfes, besonders bei Stahl- oder Aluminiumbooten.

Anders als die Missweisung ist die Deviation nicht ortsabhängig, sondern boots- und kursabhängig: Sie ist für jedes Schiff individuell verschieden und ändert sich zusätzlich mit dem gesteuerten Kurs, weil sich die störenden Bauteile bei einer Drehung des Bootes relativ zum Kompass anders zum Erdmagnetfeld ausrichten.

Zwei Arten von Störfeldern an Bord

Die magnetischen Störungen an Bord lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: fest vorhandene Magnetisierung, die im verbauten Material bereits steckt und sich kaum ändert, und Störfelder, die erst durch die aktuelle Ausrichtung des Bootes im Erdmagnetfeld entstehen und sich deshalb mit jedem Kurswechsel verändern. Genau diese zweite Gruppe ist der Grund, warum die Deviation nicht auf jedem Kurs gleich groß ist, sondern für jede Steuerrichtung neu bestimmt werden muss.

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass die Deviation nicht nur vom Boot, sondern auch vom genauen Einbauort des Kompasses abhängt. Derselbe Kompass zeigt an einer anderen Stelle desselben Bootes, etwa näher am Motor oder weiter entfernt von der Bordelektronik, eine andere Deviation. Eine einmal ermittelte Deviationstabelle gilt deshalb nur für genau diesen einen Kompass an genau diesem Platz. Wird der Kompass versetzt, muss die Tabelle neu aufgenommen werden.

Die Deviationstabelle: für jeden Kurs ein eigener Wert

Weil die Deviation kursabhängig ist, reicht ein einziger Wert nicht aus. Stattdessen wird für jedes Boot eine Deviationstabelle erstellt, die für verschiedene Kompasskurse den jeweils zugehörigen Deviationswert auflistet. Für die Praxis heißt das: Vor dem Umrechnen eines Kurses musst du in der Tabelle den Wert für den tatsächlich anliegenden Kurs nachschlagen, nicht pauschal einen einzelnen Wert verwenden.

Die Deviationstabelle wird ermittelt, indem der Kompasskurs des Bootes auf verschiedenen Kursen mit einer bekannten, rechtweisenden Referenzrichtung verglichen wird. Aus der Differenz ergibt sich für jeden geprüften Kurs der zugehörige Deviationswert. Lässt sich die Deviation auf einem Boot nicht ausreichend reduzieren, kann ein Fachmann den Kompass kompensieren, also durch zusätzliche Ausgleichsmagnete am Kompassgehäuse die Störung verringern. Ganz beseitigen lässt sich die Deviation dabei in der Regel nicht, weshalb am Ende trotzdem eine kleinere Restdeviation bleibt, die weiterhin in einer aktuellen Tabelle festgehalten wird.

Nach einer Kompensierung sollte die Tabelle nicht als dauerhaft gültig betrachtet werden. Verändert sich die Beladung, werden Geräte nachgerüstet oder liegt das Boot über längere Zeit fest an einem Ort im Erdmagnetfeld, kann sich die Deviation leicht verschieben. Ein regelmäßiger Abgleich, etwa durch Vergleich mit bekannten Landmarken oder einer anderen verlässlichen Kursquelle, schafft Sicherheit, dass die hinterlegten Werte noch stimmen.

Warum du beide Werte für die Kursumrechnung brauchst

Missweisung und Deviation sind beides systematische Fehler, die zwischen dem, was auf der Seekarte steht, und dem, was dein Kompass anzeigt, liegen. Um zwischen rechtweisendem Kurs, missweisendem Kurs und Magnetkompasskurs hin- und herzurechnen, musst du beide Korrekturen berücksichtigen, jeweils mit Vorzeichen (Ost = plus, West = minus).

Diese Umrechnung ist fester Bestandteil der Navigationsaufgabe beim SBF See. Die genaue Formel, die Vorzeichen-Regel und durchgerechnete Beispiele findest du im Artikel Kursumrechnung beim SBF See: rwK, mwK & MgK einfach erklärt. Wie die Kursumrechnung in die komplette Navigationsaufgabe eingebettet ist, zeigt der Überblicksartikel SBF See Navigationsaufgaben erklärt.

Den Kompass an Bord richtig platzieren

Damit die Deviation möglichst klein bleibt, lohnt es sich, bei der Installation und Nutzung des Kompasses auf einige Grundregeln zu achten:

  • Ausreichend Abstand zu Motor, Lautsprechern, Funkgeräten und größeren Metallteilen halten.
  • Keine magnetischen Gegenstände wie Werkzeug, Handys oder Getränkedosen in unmittelbarer Kompassnähe ablegen.
  • Nach Umbauten, dem Einbau neuer Elektronik oder größeren Reparaturen die Deviationstabelle überprüfen und gegebenenfalls neu ermitteln lassen, da sich die Störfelder an Bord verändert haben können.

Missweisung und Deviation im direkten Vergleich

Die beiden Störgrößen werden in der Prüfungsvorbereitung gern verwechselt, weil sie ähnlich klingen und auf den ersten Blick dasselbe Problem beschreiben. Diese Übersicht fasst die wichtigsten Unterschiede noch einmal zusammen:

MerkmalMissweisungDeviation
UrsacheAbstand zwischen geografischem und magnetischem NordpolMagnetische Störfelder an Bord des eigenen Bootes
AbhängigkeitVom Ort auf der ErdeVom Boot und vom gesteuerten Kurs
Fundort des WertesKompassrose der SeekarteDeviationstabelle des Bootes
VeränderungLangsam über JahreKann sich mit Umbauten oder neuer Elektronik ändern

Typische Prüfungsfragen zu Missweisung und Deviation

Im theoretischen Teil der SBF-See-Prüfung wird häufig abgefragt, ob du den Unterschied zwischen Missweisung und Deviation verstanden hast: Welche der beiden ist ortsabhängig, welche schiffsabhängig? Woher stammen beide Werte (Kompassrose der Seekarte beziehungsweise Deviationstabelle des Bootes)? Wie wirkt sich ein Kurswechsel auf die Deviation aus, und warum bleibt die Missweisung dabei unverändert? Und wie werden beide Werte bei der Umrechnung zwischen den drei Kursarten korrekt verrechnet? In der Boatpass-App kannst du genau diese Fragen aus dem offiziellen ELWIS-Fragenkatalog gezielt und im Prüfungsmodus trainieren.

Fazit

Missweisung und Deviation sind zwei unterschiedliche, aber verwandte Störgrößen des Magnetkompasses: Die Missweisung entsteht durch den Abstand zwischen geografischem und magnetischem Nordpol und ist ortsabhängig, die Deviation entsteht durch das eigene Boot und ist boots- sowie kursabhängig. Wer beide Ursachen kennt und weiß, wo die jeweiligen Werte stehen, nämlich Missweisung in der Kompassrose der Seekarte und Deviation in der bootsseitigen Deviationstabelle, hat die wichtigste Grundlage für die Kursumrechnung beim SBF See gelegt.